Tristan und Isolde oder Luft! Luft! Mir erstickt das Herz!

Irgendwo zwischen politischer Ohnmacht und emotionalem Überdruck bekommt Wagners musikalischer Koloss einen Riss. Wie fühlt sich das an, wenn etwas angerissen ist, aber noch nicht kaputt? Tristan und Isoldes Liebesgeschichte generiert einen Nadryw, die schwindelerregende, überspannte Öffnung, in die alle reinschauen wollen, sich bis jetzt aber noch nicht getraut haben.

Für TRISTAN UND ISOLDE kommt das Theater HORA zum ersten Mal mit dem Berliner Musiktheaterkollektiv HAUEN•UND•STECHEN zusammen, um Wagners Oper aus dem hochkulturellen Korsett zu befreien. Zusammen mit dem Publikum trinken sie Isoldes Liebestrank und navigieren in einer riesigen Wal-Installation durch einen Ozean von Euphorie, Depression, Lust, Hass und Scham. Wagners Musik wird zu einer Waffe, um privilegierte Konversationen zu stören und stillschweigende liberale Übereinkünfte in Frage zu stellen. Eine herkömmliche Diskussion ist bei so viel Geschrei nicht mehr möglich. Sprache ist hier Slapstick, Intensität ist Trumpf. Es geht um unverschämte Selbstmitteilung und vulgäre Emotionsbekundung und gleichzeitig um eine reale Utopie.

«Gegen die notorische Inszenierungsresistenz der Wagner’schen „Handlung in drei Aufzügen» strampelt hier ein Kollektiv, das keine Einzelkämpfer duldet, keine Leiche im Feld zurücklässt. Alle sind sie Tristan, alle auch Isolde, Marke, Brangäne, Kurwenal, Steuermann und Hirte. «Rollendeckend» wird es — wie man im Opernjargon sagen würde — nur, wenn sich mit Vera Maria Kremers und Armands Siliņš zwei gestandene Profisänger bewundernswert intonationssicher durch die herniedersinkende Nacht der Liebe und andere Glanzpassagen schlagen, während Pianist Roman Lemberg stoisch eine Klavierauszugseite nach der anderen abspult. Bewundernswert ist auch, wie gleichmütig gerade diese drei den hirnschmelzenden Schnickschnack mittragen, den Regisseurin Julia Lwowski an diesem Abend sonst noch so mit der ganz großen Kanne ausgießt. Mit einer nahezu faszinierenden Komplettabsage an Nebensächlichkeiten wie Dramaturgie oder Erzählökonomie wuchtet sie ihren «Tristan» in der Version Salat-alles-und-extrascharf auf die Bühne. Ein Schlachthaus im Betriebsmodus Meta-Meta, das sich für keinen noch so abseitigen Kalauer zu fein ist. (…) Es ist — und da kommt der Abend seinem eigenen «nadryw» dann doch nahe – alles immer am Anschlag mit Wagner obendrauf. Gut möglich also, dass dieser kolossale Belastungsbruch eines Tages, wenn die Luft aus dem Wal längst abgelassen ist, in der Erinnerung zu dem wird, was Erlebnisse dieser Art bestenfalls werden: «Kult.» nachtkritik.de, 27. April 2019

Die Premiere fand am 26. April 2019 in den Sophiensälen Berlin (D) statt. Die Schweizer Premiere fand am 18. Mai 2019 im Fabriktheater der Roten Fabrik Zürich statt. Am 25./26. September 2021 gab es im „Theater im Delphi“ in Berlin eine Wiederaufnahme.

Fachstelle Kultur Kanton Zürich, Stadt Zürich Kultur, Ernst Göhner Stiftung, Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung, Hauptstadtkulturfonds Berlin

Förderverein FRIENDS OF HORA, Stiftung Züriwerk, Musik Hug, Hallenbad Altstetten

Regie Julia Lwowski Bühne und Kostüm Yassu Yabara Ausstattungs-Assistenz Lotta Hench Kostüm-Assistenz Susanne Ehrenbaum Musikalische Leitung Roman Lemberg Dramaturgie Maria Buzhor Sounddesign Carola Caggiano Video Martin Mallon Licht Konrad Dietze Produktionsleitung Adrian Thomas Mai (Zürich)/Laura Hörold (Berlin) Administration Conny Marinucci Gesamtleitung Theater HORA Curdin Casutt

  • So., 26. Sep. 2021
    , 20:00 Uhr
    Theater im Delphi - Berlin
  • Sa., 25. Sep. 2021
    , 20:00 Uhr
    Theater im Delphi - Berlin
  • Sa., 18. Mai 2019
    Fabriktheater Rote Fabrik - Zürich
  • Fr., 26. Apr. 2019
    Sophiensäle - Berlin