Human Resources
Es gibt wohl keine erfolgreichere, aber auch keine trostlosere Existenzform, als die des in die Gesellschaft hineinassimilierten Individuums. Will heissen, jemand, der die modernen Kosten-Nutzen-Parameter derart verinnerlicht hat, dass er sie schon transpiriert. Also kurz: der ganz normale heutige Zivilisations-Nerd und seine sexy Allgemeinverträglichkeit. «Bin ich ein fortpflanzungswürdiges Glied dieser Gesellschaft?», «Kommt drauf an, wie viele deiner Freundschaftsanfragen bestätigt wurden.». Die Herrschaft der Clicks und Likes in allen Lebenslagen – im Privaten, im Job und in der Kunst – als quasi-natürliche Selektion im Neuzeit-Rush.
In «Human Resources» geht nun die Ausschussware dieses optimierten Humankapitals in die Offensive. Die Randständigen und Behinderten von kraut_produktion und Theater HORA haben sich zu einer Art unorthodoxem Saubannerzug zusammengetan, um das nicht-ökonomische Outsidertum zu zelebrieren. Um eine sinnliche Antithese zur auf Nützlichkeit abgerichteten Gegenwart aufzustellen und dem Sein einen, zwar vielleicht schlecht vermarktbaren, dafür aber umso unverzichtbareren immateriellen Mehrwert abzutrotzen.
„… obwohl es einen Abend lang um Wettbewerb und Konkurrenz geht, ist «Human Resources» letztlich nichts anderes als ein Stück ideales, also egalitär-libertäres Theater. Und das hat wesentlich mit der Materialästhetik von Kraut zu tun, in der alles gleichberechtigt nebeneinander vorkommen darf, ohne dass alles gleichgemacht wird: die HORA-Schauspieler neben denjenigen von Kraut, die Videocollage von Roland Schmidt neben den Kostümorgien von Nic Tillein, grosser Quatsch neben grossem Ernst. Mit diesem kontrastreichen Neben- und Miteinander punktet «Human Resources», so etwa, wenn auf dem Video ein Monstertruck einige Kleinwagen platt walzt, während Gianni Blumer von HORA einen Song von Udo Jürgens rezitiert, mit dem es ihm übrigens sehr ernst sei. Oder dann, wenn Matthias Grandjean die Statusmeldungen eines Facebook-Profils vorliest, womit der HORA-Schauspieler offensichtlich rein gar nichts zu tun hat. Damit wären wir wieder bei der alten Frage, die sich immer aufdrängt, wenn Behinderte und Nichtbehinderte zusammen auf einer Bühne stehen: Wer sind hier die Freaks? Die Behinderten oder die statussüchtigen Benutzer der sozialen Netzwerke? Im «Gemeinschaftsdelirium» von Kraut und HORA spielt das keine Rolle: Sie machen im Neben- und Miteinander bannendes Theater, in dem man sich gerne verliert.“ Andreas Tobler, Tages-Anzeiger, 6. März 2015
Eine Koproduktion mit dem Fabriktheater Rote Fabrik Zürich.
Die Premiere fand am 3. März 2015 im Fabriktheater Rote Fabrik statt.
Spiel Gianni Blumer, Nikolai Gralak, Matthias Grandjean, Thomas U. Hostettler, Nils Torpus, Sandra Utzinger, Fabienne Villiger Regie Michel Schröder Bühne Silvia Buonvicini, Severin Hofmann Kostüme Nic Tillein Video Roland Schmidt Licht Marek Lamprecht Assistenz HORA Nele Jahnke Produktionsleitung Lukas Piccolin / Katharina Balzer Produktion kraut_produktion, Verein Zürich/Theater HORA – Stiftung Züriwerk
Stadt Zürich Kultur, Fachstelle Kultur Kanton Zürich, MBF Foundation und G+B Schwyzer Stiftung
- Di., 03. März 2015, 20:00 UhrFabriktheater Rote Fabrik - Zürich