Disabled Theater

Der Choreograf Jérôme Bel interessiert sich seit seinen frühesten Arbeiten für das, was ausserhalb der Repräsentation steht. In seinen Choreografien werden die Regeln von Tanz und Theater wie die Syntax einer Sprache behandelt, die analysiert und schliesslich ins Spiel gebracht wird. Seine von professionellen wie auch Amateur-Interpreten getanzten und gesprochenen Choreografien lassen sich auch als Stellungnahmen zugunsten einer Demokratisierung des Tanzes auffassen, die er durch eine nicht-virtuose Herangehensweise zu verwirklichen sucht.

In einer Gesellschaft, die sich selbst als zutiefst normal definiert, bildet Behinderung eine Grenze, gegen die die Kategorie der Normalität anrennt. Ihre intellektuelle Spielart, also geistige Behinderung, gilt weithin als das radikale Gegenteil der intellektuellen Schärfe und Kultiviertheit des an zeitgenössischem Tanz und Theater interessierten Publikums. Diese Form von Behinderung versucht Bel in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ebendieses Publikums zu rücken, um aus ihr einen Schlüssel zu machen, der uns eine Sichtweise erlaubt, durch die wir eine gemeinsame Dimension denken können.

Bei der Arbeit mit den Schauspielern des Theater HORA geht es Bel um die Eröffnung eines Raums, in dem Behinderung weder aus künstlerischen und diskursiven Praktiken ausgeschlossen noch hinter dem Schutzschirm politischer Korrektheit versteckt, sondern als Bestandteil eines Diskurses anerkannt wird, der für die ästhetische wie die politische Dimension von Bedeutung ist.

Mit «Disabled Theater» wirft Bel ein Schlaglicht auf die Dynamik der Ausgrenzung, durch die diejenigen an den Rand gedrängt werden, die als unproduktiv gelten. Er zeigt auf, wie sie ganz im Gegenteil auch die Mechanismen dieser Repräsentation hinterfragen und auf die Existenz als eine ungeteilte Form der Präsenz hindeuten können.

2012 erhielt Theater HORA von der Stadt Zürich eine Auszeichnung für die ausserordentliche Leistung des Ensembles in diesem Stück. 2013 wurde die Produktion als eine der 10 bemerkenswertensten Produktionen des vorangegangenen Jahres zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In diesem Rahmen wurde der HORA-Schauspielerin Julia Häusermann der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die herausragende Leistung einer jungen Schauspielerin verliehen. Ebenfalls 2013 erhielt «Disabled Theater» den ersten Schweizerischen Tanzpreis in der Kategorie «Aktuelles Tanzschaffen».

„Wer ist hier behindert? Die Schauspieler, weil sie das Down-Syndrom haben oder langsamer lernen als der Durchschnitt? Die Zuschauer, weil sie nicht wissen, wie man auf behinderte Schauspieler „normal“ reagiert? Die Kritiker, weil ihre Kategorien, erprobt am herkömmlichen Repräsentationstheater, hier nicht greifen? Der französische Choreograf Jérôme Bel und das Schweizer Theater HORA schütteln unsere Wahrnehmung durcheinander. Wenn die elf Darsteller sich nacheinander auf der Bühne vorstellen, sind sie dann sie selbst oder spielen sie sich? Und wenn man sich von der Energie der Unmittelbarkeit ihrer Solotanznummern mitreissen lässt, erliegt man dann nicht wieder einem Klischee? Und wenn wir nicht wollen, dass sie sich uns aussetzen, meinen wir damit nicht vielleicht, dass wir uns ihnen nicht aussetzen wollen? Dieses Theater ist nicht „disabled“, im Gegenteil: Selten war ein Abend so fähig, den Live-Charakter von Theater zu nutzen. Nichts ist berechenbar, alles kann schiefgehen. Oder?“ aus der Jurybegründung des Berliner Theatertreffens 2013

Uraufführung am 10. Mai 2012 beim kunstenfestivaldesarts in Brüssel

Von und mit R. Beuggert, G. Blumer, D. Bright, M. Brücker, M. Grandjean, J. Häusermann, S. Hess, T. Pagliaro, Simone Truong oder C. Weinheimer sowie M. Hossle, P. Keller, L. Meier (bis 2015) und Noha Badir, Nikolai Gralak, Fabienne Villiger, Remo Zarantonello (ab 2015) Konzept Jérôme Bel Dramaturgie Marcel Bugiel Assistenz Simone Truong (live translation on stage), Chris Weinheimer (live translation on stage), Maxime Kurvers Produktionsleitung Theater HORA

Theater HORA – Stiftung Züriwerk (Zürich), R.B. Jérôme Bel (Paris), Festival Auawirleben (Bern), Kunstenfestivaldesarts (Brussels), dOCUMENTA (13), Festival d’Avignon, Ruhrtriennale, Festival d’Automne à Paris, Les Spectacles vivants – Centre Pompidou (Paris), La Bâtie – Festival de Genève, Hebbel am Ufer (Berlin)

Stadt Zürich Kultur, Kanton Zürich Fachstelle Kultur, Pro Helvetia, Stiftung Denk an Mich, Ernst Göhner Stiftung

Sasa Asentic, Tom Stromberg, Andreas Meder (Internationales Theaterfestival Okkupation!), Stiftung Züriwerk, Fabriktheater Rote Fabrik Zürich and the audience of our public try

  • Do., 10. Mai 2012
    kunstenfestivaldesarts - Brüssel